PETZE – Prävention von sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen

Kurzkonzept als PDF zum Download, Stand 16.12.2010
NEU! Petze Flyer! zum Download, Stand 05.08.2011

1) Angebote der PETZE

Das Präventionsbüro PETZE ist in Schleswig-Holstein seit 1992 im Bereich der schulischen Prävention von sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen aktiv. Es ging aus der Arbeit des Frauennotrufes Kiel e.V. hervor und wurde zunächst als Fortbildungs- und Multiplikatorinnenprojekt für Lehrkräfte in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium initiiert. Anfangs richtete sich die Präventionsarbeit ausschließlich an Lehrkräfte und andere Erwachsene aus dem schulischen Kontext; Prävention mit Kindern wurde vorerst nur in Form von Theaterprojekten o.ä. realisiert. Die PETZE war Träger des 1. BLK Modellversuchs zur Fortbildung von Lehrkräften und führte die erste europäische Fachtagung zum Thema „Sexueller Missbrauch und Schule“ durch.

Seit 2004 hat die PETZE neben Fortbildungen, Beratung und Supervision zusätzlich Wanderausstellungen zum Thema Prävention von sexuellem Missbrauch entwickelt, die für verschiedene Schulformen einen altersangemessenen sensiblen Zugang in die Prävention von sexueller Gewalt bieten („ECHT KLASSE!“ für Grundschulen, „ECHT STARK!“ für Förderschulen und Förderzentren und „ECHT FAIR!“ für weiterführende Schulen mit dem Schwerpunkt häusliche Gewalt, in Kooperation mit BIG Berlin).

Zurzeit wird die vierte Ausstellung „ECHT KRASS!“ entwickelt, die sich mit dem Themenbereich sexueller Übergriffe zwischen Jugendlichen befasst und erstmalig auch den Bereich der Täter/innenprävention berücksichtigt. Neben dem Präventionsbüro PETZE, das u.a. über Landesmittel des Bildungsministeriums finanziert ist, steht seit 2009 das „PETZE-Institut für Gewaltprävention gGmbH“. Das Institut unterhält sich ausschließlich aus Eigen- und Drittmitteln und widmet sich erweiternd auch anderen Zielgruppen und der Prävention anderer Gewaltformen.

Die PETZE arbeitet selten mit Kindern und Jugendlichen sondern hat den Schwerpunkt in der MullitplikatorInnenbildung. Sie bietet Informationsveranstaltungen, Fortbildungen und Aktionstage für Fachkräfte an Schulen oder in Einrichtungen sozialer Arbeit an. Sie entwickelt Informationen für Schüler und Schülerinnen aller Altersstufen sowie Unterrichtsmaterialien, mit denen die Prävention sexueller Gewalt in das Unterrichtsgeschehen integriert werden kann. Darüber hinaus stehen die Mitarbeiterinnen für Supervision und Einzelfallberatungen zur Verfügung, wenn Übergriffe im schulischen Umfeld stattgefunden haben. Des Weiteren macht die PETZE durch zahlreiche Aktivitäten wie Ausstellungen, Theaterprojekte und 2 Tagungen immer wieder auf das Problem des sexuellen Missbrauchs aufmerksam und versteht sich auch politisch als Lobby für den Kinder- und Opferschutz.

2) Das Leitbild der PETZE

Der Name des Präventionsbüros rekurriert auf den negativ konnotierten Begriff „Petze“. Eine Petze verrät Geheimnisse und erzählt, „petzt“ etwas weiter. Bei sexueller Gewalt handelt es sich beim Weitererzählen und Verraten um einen berechtigten und erwünschten Hilferuf. „Petzen heißt auch Hilfe holen!“ und Hilfe-holen ist kein Petzen“ sind daher Leitsprüche der PETZE. Diese wenden sich dabei nicht nur an Kinder und Jugendliche, die schlechte Geheimnisse weitersagen und sich Hilfe holen, sondern auch an Lehrkräfte, das Schweigegebot bezüglich sexueller Gewalt zu brechen und die Problematik an Schulen offen zu diskutieren. Letztlich meint die PETZE mit ihrem Namen auch sich selbst als Sprachrohr für das Thema im gesellschaftspolitischen Kontext – auch gegen Widerstände, Verharmlosung und Verdrängung.

Die Präventionsarbeit der PETZE basiert auf einer feministisch-parteilichen Grundhaltung, welche die Ursachen sexualisierter Gewalt in gesellschaftlich-strukturellen Gründen sieht. Strukturelle, patriarchale Machtstrukturen produzieren und legitimieren Machtgefälle, die Frauen und Kinder zu Opfer sexualisierter Gewalt machen (mehrheitlich durch Männer). Die PETZE ergreift klare Partei für die Opfer, die Verantwortung für Grenzüberschreitungen sieht sie immer beim Täter/ der Täterin.

3) Prävention im schulischen Kontext

Die Grundlagen der Präventionsarbeit der PETZE sind so angelegt, dass sie Mädchen und Jungen stärken und ihnen Möglichkeiten an die Hand geben, eigene Grenzen zu erkennen und zu schützen und sich im Bedarfsfall Hilfe zu holen. Präventionsprinzipien, die den Kindern und Erwachsenen vermittelt werden, sind:

  1. „Mein Körper gehört mir“
  2. „Ich kenne meine Gefühle“
  3. „Ich kenne gute und schlechte Berührungen“
  4. „Ich kenne gute und schlechte Geheimnisse“
  5. „Ich darf NEIN sagen“
  6. „Ich kann mir Hilfe holen“.

Prävention wird von der PETZE als Erziehungshaltung gedacht, in der sich Erwachsene und Kinder gleichwürdig begegnen. Erwachsenen und Kindern sollte dabei bewusst sein, dass Kinder Rechtsträger sind und dass sie diese Rechte gegenüber Erwachsenen vertreten dürfen. Gleichzeitig vermittelt die präventive Erziehungshaltung die Einzigartigkeit und den Wert jedes einzelnen Kindes. Auf diese Art können Kinder in ihrer Selbstbestimmtheit und ihrem Eigen-Sinn gestärkt werden. Die präventive Erziehungshaltung der Erwachsenen muss kontinuierlich wirken und in die Gesamterziehung von Elternhaus und Schule integriert werden. Das fordert von den Lehrer/innen eine persönliche Auseinandersetzung mit der Thematik, die über eine bloße Informiertheit hinausgeht. Langfristiges Ziel ist es, das Thema sexuellen Missbrauchs in der Schule zu enttabuisieren und ein Klima zu schaffen, in dem sexuelle Übergriffe angesprochen werden können. Dies impliziert die Bereitschaft, die Prävention sexueller Gewalt im Schulleitbild und im Lehrplan zu integrieren. Dazu gehört auch der Aufbau eines Hilfenetzes, um im Bedarfsfall die Betroffenen nachhaltig zu schützen und Lehrer/ innen zu entlasten. Hierzu ist Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften, Eltern und Fachkräften der Thematik sexueller Gewalt, ggf. auch anderer Fachkräfte wie z.B. Polizei oder Ärzte/innen unabdingbar.

In den Wanderausstellungen werden die Präventionsprinzipien an sechs Stationen spielerisch und handlungsorientiert, alters- und entwicklungsangemessen thematisiert. Schülerinnen und Schüler können die Ausstellungen ohne vorherige Vorbereitung besuchen; es bleibt den Lehrkräften überlassen, den Ausstellungsbesuch mit den angebotenen Unterrichtsmaterialien nachzubereiten und die Thematik zu vertiefen.

Eingerahmt werden die Ausstellungen durch eine verbindliche Fortbildung des Lehrkollegiums sowie einen Elternabend. Obligatorisch ist außerdem die Anbindung an eine örtliche Fachberatungsstelle, die im Bedarfsfall konkrete Hilfe und Unterstützung leisten kann und im Regelfall auch schon den Elternabend durchführt.

Langfristig wird der Aufbau eines thematischen Netzwerkes im schulischen Umfeld angestrebt.

„ECHT KLASSE!“ für Grundschulen konnte inzwischen zweimal nachgebaut werden. Diese Ausstellung ist mittlerweile international: Sie wurde für die Schweiz und für Mosambik adaptiert und tourt dort in verschiedenen Ausfertigungen. Auch die Ausstellung „ECHT STARK!“ wurde nachgebaut und wandert durch das gesamte Bundesgebiet. „ECHT FAIR!“ wurde direkt in zweifacher Ausfertigung gebaut und tourt neben Schleswig-Holstein in Berlin unter der Organisation von BIG e. V.